Feminismus beim Völkerbund

Die Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, zwischen der vehementen Agitation für das Wahlrecht und den sozialen Erschütterungen der 60er Jahre, wird oft als eine Zeit der relativen Ruhe für den organisierten Feminismus angesehen.

Doch diese Ruhe ist eine Illusion. Tatsächlich war die Zwischenkriegszeit eine Zeit intensiven Aktivismus, als feministische Führerinnen die entscheidende nächste Phase der Frauenbewegung einleiteten, die die ideologische Vereinnahmung internationaler und nichtstaatlicher Organisationen beinhaltete – kein Akteur war so aktiv wie der Völkerbund. 

Der Feminismus war schon immer in gewissem Maße international. Im 19ten Jahrhundert überquerten englischsprachige feministische Aktivistinnen oft den Atlantik, um Ideen und Strategien auszutauschen; sie hielten Konferenzen ab und luden Rednerinnen aus ganz Nordamerika, Großbritannien und Westeuropa ein.

Letztlich zielte dieser internationale Aktivismus darauf ab, eine über der Politik stehenden Politik zu entwickeln, eine Politik, die die Entscheidungsfindung auf nationaler Ebene kontrollieren würde, unabhängig davon, welche nationale politische Partei gewählt wurde oder was die Bürger der einzelnen Länder tatsächlich bevorzugten und wählten.

Feministinnen wie die amerikanische Aktivistin Alice Paul und die britische Sozialistin, Pazifistin und Feministin Vera Brittain benutzten die Sprache der universellen Rechte und setzten sich zum Ziel, ihre Gesellschaften umzugestalten, indem sie die Art und Weise, wie die Weltordnung geplant und umgesetzt wurde, verändern.

Es ist inzwischen allgemein anerkannt, dass die Vereinten Nationen aggressiv feministisch sind, mit einem riesigen Flügel, der sich auf die „Stärkung“ von Frauen und Mädchen konzentriert, mit massiv teuren internationalen Programmen, die mit immer bizarreren, unbeweisbaren Behauptungen gerechtfertigt werden, wie z. B., dass Frauen und Mädchen die Hauptopfer des Klimawandels sind, oder dass „die vollständige Gleichstellung der Geschlechter noch Jahrhunderte entfernt ist“, wie es in einer jüngsten hysterischen Pressemitteilung hieß.

Alice Paul, Vorsitzende der National Woman's Party in den Vereinigten Staaten
Vera Brittain - britische Sozialistin, Pazifistin und Feministin

Aber schon bevor es die Vereinten Nationen gab – sie wurden 1945 gegründet – war der Feminismus durch den Völkerbund Teil der internationalen Ordnung, eine 1920 gegründete Organisation mit 42 Mitgliedsstaaten und Vorgängerin der UNO. Ein Blick auf die Funktionsweise des Völkerbundes ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Feministinnen den Grundstein für ihre globale institutionelle Macht später im Jahrhundert legten.

Obwohl der Völkerbund eigens gegründet wurde, um die Sicherheitsinteressen der Mitgliedsstaaten zu schützen und einen weiteren Krieg zu verhindern, wurde er viel mehr als das, denn er umfasste verschiedene soziale Reforminitiativen.

Die Ethik- und Menschenrechtsprofessorin Regula Ludi hat in einem Artikel für das Journal of Women’s History (2019) argumentiert, dass feministische Organisationen seit der Gründung des Völkerbundes aktiv waren und sich für die Verabschiedung internationaler Rechtsstandards einsetzten, die den Druck auf widerstrebende Regierungen erhöhen und zu dem beitragen sollten, was sie als „technokratischen Internationalismus“ oder globale Herrschaft von Experten bezeichnet (Ludi, S. 14). Feministinnen positionierten sich schon früh als Expertinnen für alle Fragen im Zusammenhang mit Frauen, Kindern, Frieden und sozialem Fortschritt.

Aufbauend auf Jahrzehnten der feministischen Propaganda des 19ten Jahrhunderts, war der Grundgedanke von Anfang an, dass Frauen ein einzigartiges und alternatives Modell internationaler Beziehungen anbieten könnten, das angeblich Kooperation an die Stelle von Wettbewerb setzen würde, weil Frauen kooperativer und weniger kriegerisch seien.

Gründungsmitglieder des Internationalen Frauenrats (ICW)

Eine der vielen feministischen Gruppen, die an der Liga beteiligt waren, war der Internationale Frauenrat. Dies war eine einflussreiche Dachorganisation, die bereits 1888 gegründet worden war und zu deren Gründungsmitgliedern einige gehörten, die wir hier im Studio B gut kennen, insbesondere die Frauenrechtlerinnen Elizabeth Cady Stanton (vordere Reihe, Dritte von rechts) und Susan B. Anthony (vordere Reihe, Zweite von links) sowie die Vorsitzende der Woman’s Christian Temperance Union, Frances Willard (zwischen Anthony und Stanton sitzend).

Im besten Fall glaubten diese Aktivistinnen, dass Frauen den Männern moralisch überlegen waren und die Gesellschaft auf einer weitaus gerechteren und mitfühlenderen Grundlage organisieren könnten, als es Männer je erreicht hatten oder auch nur versuchen wollten. Im schlimmsten Fall glaubten sie, dass Männer gerade noch menschlich seien, vorsätzliche Unterdrücker, die von den meisten Entscheidungsprozessen in der Welt ausgeschlossen werden sollten und die einer Umerziehung und sozialen Kontrolle bedürfen. 

Die Website des ICW [International Council of Women] bekennt sich heute kühn zur weiblichen Vorherrschaft, einschließlich des Glaubens an die moralische Überlegenheit der Frauen. Dort heißt es großspurig: „Die Arbeit des ICW beschränkt sich nicht auf die Verringerung politischer, wirtschaftlicher und ziviler Ungleichheiten, sondern umfasst eine Moralisierung der Welt, damit sie zu einem guten Ort für alle Frauen und Kinder werden kann. Der ICW ist der festen Überzeugung, dass es eine ideale Situation des Wohlbefindens, des Glücks und der Gerechtigkeit gibt, die allen Frauen gemeinsam ist, unabhängig von sozialer Klasse, ethnischer Zugehörigkeit oder Religion.“ (vgl. https://www.icw-cif.com/history/)

Man kann nicht umhin zu bemerken, wie diese zutiefst fürsorglichen Frauen, obwohl sie erklären, dass nur Frauen eine „Moralisierung der Welt“ herbeiführen können, Männer absichtlich von ihrer Aufzählung derjenigen ausschließen, die einen „guten Ort“ zum Leben verdienen. Dies ist offensichtlich kein Zufall. Für die Feministinnen des ICW haben Männer noch nie eine Vorstellung von Moral gehabt und sich nie um den Schutz oder die Versorgung von Frauen und Kindern gekümmert. Die seltsame Behauptung der ICW, dass alle Frauen sich über die „ideale Situation des Wohlbefindens, des Glücks und der Gerechtigkeit“ einig sind, ist bestenfalls zutiefst naiv, eher gefährlich totalitär.

Organisationen wie die ICW und viele andere, darunter die bemerkenswerte britische Sechs-Punkte-Gruppe, die 1921 gegründet wurde, um frauenpolitische Ziele voranzutreiben, setzten sich kontinuierlich bei Diplomaten und Vertretern des Völkerbundes dafür ein, dass Frauen in den verschiedenen beratenden Ausschüssen des Völkerbundes vertreten sind.

Diese Gruppen waren erfolgreich bei der Beeinflussung der internationalen Politik in Bereichen wie Kinderfürsorge, Rechte von Arbeitnehmerinnen und Rechtsstellung von Frauen in der Ehe; sie taten dies in erster Linie durch die Erstellung von Berichten für den Völkerbund und die Definition von Themen aus feministischer Sicht. Sie betonten insbesondere Konzepte wie Geschlechterhierarchie und Geschlechterdiskriminierung und ermutigten die Mitglieder der Liga, Frauen als eine von Männern unterschiedene und weltweit unterdrückte Opfergruppe zu betrachten. Sie betonten, dass die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Nationen durch patriarchalische Gesellschaftsstrukturen hervorgerufen wurden und niemals natürlich entstanden waren.

Lady Margaret Rhondda

Die Feministinnen kämpften auch hart für einen so genannten Gleichberechtigungsvertrag, der die Mitgliedsstaaten dazu verpflichten sollte, eine feministische Politik zu verfolgen. Wie die Feminismusforscherin Carol Miller in einem ausführlichen Artikel über den feministischen Aktivismus der Zwischenkriegszeit schreibt, wurde die Idee für einen Gleichberechtigungsvertrag erstmals 1926 von Lady Margaret Rhondda, ein walisisches Mitglied des britischen Oberhauses, ehemaligen Suffragette und Vorsitzenden der bereits erwähnten britischen Sechs-Punkte-Gruppe, vorgeschlagen.

Lady Rhondda gewann die Unterstützung der amerikanischen Aktivistin Alice Paul, der Vorsitzenden des internationalen Beratungsausschusses der amerikanischen National Woman’s Party. Paul begann, die Unterstützung anderer Aktivisten zu mobilisieren.

Bald wurde der Vertrag zu einer wichtigen feministischen Initiative. Ein Mitglied des Völkerbundes bemerkte: „Jedes Mal, wenn man mit Mitgliedern von Frauenorganisationen zusammentrifft, wird diese Frage [eines Gleichberechtigungsvertrags] aufgeworfen“ (zitiert in Ludi, S. 18). Obwohl sich einige Mitgliedsstaaten gegen die Idee wehrten und einwendeten, dass die gewohnheitsmäßigen Beziehungen zwischen Männern und Frauen untrennbar mit der einzigartigen Kultur jeder Nation verbunden seien und nicht Gegenstand einer pauschalen universellen Regel sein sollten, erschien diese Sichtweise bald als peinlich rückschrittlich. Ein Mitglied einer feministischen Organisation namens Equal Rights International freute sich, dass „man in Genf sehr stark spürte, dass nur wenige Nationen bereit waren, sich der ‚Gleichheit‘ entgegenzustellen“ (zitiert in Ludi, S. 23).

Unter dem jahrelangen Druck von Feministinnen stimmte die Liga schließlich 1937 der Durchführung einer internationalen Erhebung zu, die Daten über den rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Status von Frauen sammeln sollte, um einen Bericht über den Status der Frauen und Empfehlungen zu dessen Verbesserung vorzubereiten. Der mit der Erhebung und dem Bericht beauftragte Ausschuss war mehrheitlich mit Feministinnen besetzt: Die französische Rechtsprofessorin Suzanne Bastid, die New Yorker Richterin Dorothy Kenyon (dt. Wikipedia-Eintrag), die jugoslawische Juristin Anka Godjevac und die schwedische Abgeordnete Kirsten Hesselgren (dt. Wikipedia-Entrag).

Rückblickend erscheint es bemerkenswert, dass der Völkerbund in den späten 1930er Jahren, als diplomatische Krisen und sich verschärfende Feindseligkeiten zwischen den Nationen einen Weltenbrand immer näher rückten, zustimmte, Ressourcen und intellektuelle Energie für eine Studie über die Stellung der Frau zu verwenden. Den Feministinnen war es gelungen, den Völkerbund davon zu überzeugen, dass Frauenfragen untrennbar mit dem Hauptgeschäft des Völkerbundes, der internationalen Sicherheit, verbunden waren.

Die feministische Methodik des Völkerbundes schien auf der folgenden, ziemlich genialen Frage zu beruhen: Warum sollte man eine Nation davon überzeugen, die eigenen ideologischen Forderungen durch das Geben und Nehmen des demokratischen Prozesses umzusetzen, wenn man einfach ein paar nicht gewählte Technokraten davon überzeugen kann, die eigene Weltanschauung per Dekret durchzusetzen?

Carol Miller zitiert Vera Brittain mit den Worten: „Es ist an der Zeit, von der nationalen zur internationalen Sphäre überzugehen und zu versuchen, durch internationale Vereinbarungen das zu erreichen, was die nationale Gesetzgebung nicht erreicht hat“ (zitiert in Miller, S. 221).

Wie Professor Ludi in ihrer Untersuchung feststellt, war der feministische Aktivismus auf internationaler Ebene ein wichtiger Teil des Prozesses, durch den bestimmte politische Themen […] aus dem nationalen […] in den internationalen Bereich verlagert wurden“ (zitiert in Ludi, S. 21). Feministinnen erkannten scharfsinnig, dass das Drängen auf internationale Standards, die von feministischen Experten festgelegt wurden, die Macht in den Händen einer Entscheidungselite konzentrieren würde.

Letztendlich wurde die internationale Untersuchung über die Stellung der Frau nie abgeschlossen, da die Mitglieder des Völkerbundes schließlich mit der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und damit mit dem Scheitern der Organisation konfrontiert wurden, deren Hauptzweck darin bestanden hatte, einen weiteren Krieg zu verhindern. Doch auch wenn aus den Untersuchungen kein verbindlicher Gleichberechtigungsvertrag hervorging, hatte der Vorstoß für eine globale Lösung feministischer Anliegen doch Früchte getragen.

Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass eine Mehrheit des Völkerbundes davon überzeugt war oder zumindest beschlossen hatte, offiziell anzuerkennen, dass feministische Ideen über die Unterdrückung der Frau nicht nur legitim waren, sondern auch in engem Zusammenhang mit der globalen Sicherheit und Entwicklung standen.

Und die Wirkung war langanhaltend. Die feministische Doktrin, wonach die Unterdrückung von Frauen universell ist und durch systemische Ungleichheiten verursacht wird, bestimmte die internationalen Diskussionen des nächsten Jahrhunderts.

Außerdem endete der Einsatz für einen Gleichberechtigungsvertrag nicht mit dem Völkerbund. Als die Vereinten Nationen 1945 gegründet wurden, wurde sofort eine Kommission für die Stellung der Frau eingesetzt; wie Carol Miller erklärt: „Das vom Sachverständigenausschuss des Völkerbundes entworfene Schema und das im Laufe seiner Untersuchung gesammelte Material bildeten die Grundlage für die frühen Aktivitäten der UN- Frauenrechtskommission.“

Später in jenem Jahrhundert wurde 1981 die umfassende UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau ratifiziert. Es enthält dreißig verschiedene Bestimmungen zur Förderung der „Gleichstellung“ von Frauen, erkennt aber auch die besonderen Bedürfnisse und Behinderungen von Frauen an, die eine besondere Behandlung erfordern, um Ungleichgewichte auszugleichen oder Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Damit verpflichtet sie die ratifizierenden Staaten zu einer ganzen Reihe von unmöglich zu erfüllenden Initiativen und Versprechen, wie z. B. sicherzustellen, dass Frauen Zugang zu Abtreibung und „bezahltem Mutterschaftsurlaub“ haben, dass sie das „Recht auf Bankkredite“ haben und das „Recht auf Teilnahme an Freizeitaktivitäten und Sport“, um nur einige der aufdringlichen und unendlich teuren Normen zu nennen, die erfüllt werden müssen.

Die Idee, dass den Bedürfnissen von Männern und Frauen am besten durch einen ganzheitlichen Ansatz Rechnung getragen wird, der Männer und Frauen gleichermaßen wertschätzt, der der einzigartigen Kultur eines jeden Landes angemessen ist und der anerkennt, dass auch Männer unterschiedliche Bedürfnisse und Behinderungen haben, wurde durch die Akzeptanz des feministischen Dogmas entschieden zunichte gemacht und ist nie erfolgreich rehabilitiert worden.

Kurz gesagt, die feministischen Forderungen, die im Völkerbund vorgebracht wurden, wurden unter dem Deckmantel einer autoritativ anmutenden Sprache und mit dem Anschein fachlicher Legitimität schnell zu einem integralen Bestandteil der Entscheidungsfindung auf den höchsten internationalen Ebenen und sicherten so das Entstehen einer globalen feministischen Macht in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts.

© Janice Fiamengo 2015-2023, alle Rechte vorbehalten, insbesondere aber nicht nur die des deutschen Urheberrechts. Vervielfältigung dieser Übersetzung nur nach Rücksprache mit mir (Tom Todd) oder der Autorin (Janice Fiamengo) unter Nennung der Quelle (“Erschienen zuerst auf Geschlechterwelten.de”).
Übersetzung © tom todd

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