Warum es genau zwei Geschlechter gibt
Colin Wright ist Evolutionsbiologe, Gründungsherausgeber von „Reality’s Last Stand“, Fellow am Manhattan Institute und veröffentlicht auch auf Substack
Original: https://doi.org/10.1007/s10508-025-03348-3
Dies ist ein Fachtext, daher haben wir erklärende Fussnoten neben dem Text gestellt. Mit etwas Verzögerung erscheint demnächst auch eine allgemeinsprachliche Zusammenfassung.
Bei anisogamen[1] Arten gilt die Existenz von zwei – und nur zwei – Geschlechtern in der modernen Biologie als feststehend (Lehtonen et al., 2016; Parker et al., 1972). „Männlich“ bezeichnet Organismen, deren biologische Funktion darin besteht, kleine Gameten (Spermien, männliche Keimzellen) zu produzieren, und „weiblich“ bezeichnet Organismen, deren biologische Funktion darin besteht, große Gameten (Eizellen) zu produzieren (Hilton & Wright, 2023; Minot, 1888; Smith, 1978). Diese Nomenklatur spiegelt zwei unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien wider, die in einem breiten Spektrum von Taxa (Gruppen/Arten/Spezies) immer wieder vorkommen (Togashi & Cox, 2011). Wie bei der Tatsache der Evolution selbst haben sich die aktuellen wissenschaftlichen Debatten längst von der Frage, ob die Geschlechterbinärität eine Tatsache ist, hin zu Fragen darüber verschoben, wie sich die Anisogamie entwickelt hat, warum sie fortbesteht und welche evolutionären Konsequenzen sie hat.
In den letzten Jahren wurde diese zuvor unumstrittene Tatsache jedoch im öffentlichen Diskurs (Fuentes, 2023; Kralick, 2018; Viloria & Nieto, 2020) und nun zunehmend auch in wissenschaftlichen Publikationen (Ainsworth, 2015; Fuentes, 2025; McLaughlin et al., 2023; Velocci, 2024) in Frage gestellt, offenbar angetrieben durch kulturelle und politische Debatten rund um das Konzept der „Geschlechtsidentität“ und die Rechte von Transgender-Personen. Populäre Medien veröffentlichen mittlerweile regelmäßig Artikel, in denen behauptet wird, es gäbe mehr als zwei Geschlechter oder das Geschlecht sei ein nichtbinäres „Spektrum“, das als Kontinuum oder als multivariater Cluster von Merkmalen verstanden wird. Wissenschaftliche Artikel haben diese Sichtweise verstärkt, indem sie die Geschlechterbinärität als allzu vereinfachend, veraltet und sogar unterdrückerisch charakterisieren und darauf drängen, sie durch umfassendere und vermeintlich differenziertere Modelle zu ersetzen (Ainsworth, 2015).
Hier fasse ich evolutionäre und entwicklungsbiologische Belege zusammen, um zu zeigen, dass das Geschlecht bei allen anisogamen Arten binär ist (d. h., es gibt nur zwei Geschlechter) und dass Männchen und Weibchen universell durch die Art der Gameten definiert sind, zu deren Produktion sie die biologische Funktion haben – nicht durch Karyotypen, sekundäre Geschlechtsmerkmale oder andere Korrelate.
[1] Anisogamie ist eine Form der sexuellen Fortpflanzung, bei der zwei Gameten verschmelzen, die sich in Größe und/oder Form unterscheiden.
Ich beginne mit einer kurzen Darstellung der sexuellen Fortpflanzung und der Evolution der Anisogamie und erkläre, warum sich aus isogamen[2] Vorfahren zwei differenzierte Gametentypen entwickelt haben und wie dieser funktionelle Dimorphismus[3] die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ begründet. Anschließend bewerte ich fünf immer wiederkehrende Argumente, die dazu dienen, die binäre Natur des Geschlechts zu untergraben:
- die Vermischung von „Paarungstypen“ mit Geschlechtern;
- die Behandlung von Aneuploidien der Geschlechtschromosomen und Karyotyp-Variationen als zusätzliche Geschlechter;
- die Umdeutung von Unterschieden bzw. Störungen der Geschlechtsentwicklung als Beweis für ein nicht-binäres „Geschlechtsspektrum“;
- die Neudefinition des Geschlechts als polythetische Ansammlung von Merkmalen; und
- der Vorschlag „mehrstufiger“ Modelle, bei denen Geschlechtsbezeichnungen nicht einzelnen Organismen, sondern nur bestimmten Merkmalen zugeordnet werden.
[2] Mit Dimorphismus (Zweigestaltigkeit) bezeichnet man in der Biologie das Auftreten von zwei deutlich verschiedenen Erscheinungsformen (Phänotypen) innerhalb derselben Art.
[3] Isogamie ist eine Form der sexuellen Fortpflanzung, bei der zwei sich vereinigende Gameten in Größe, Form und Struktur identisch sind.
Die evolutionären und biologischen Grundlagen der Geschlechtsbinärität
Was Geschlecht ist und warum es sich entwickelt hat
Sexuelle Fortpflanzung ist die Bildung eines neuen Organismus durch die Verschmelzung haploider Gameten (Syngamie[4]), die durch Meiose entstehen (Alberts et al., 2014). Durch die Neukombination genetischer Variation mittels Rekombination und Auskreuzung[5] erzeugt die sexuelle Fortpflanzung neue Genotypen[6] und kann die genetische Last[7] verringern, was dazu beiträgt, ihr Fortbestehen trotz der damit verbundenen Kosten zu erklären (Kondrashov, 1988; Otto, 2009).
Auf der Ebene der Gameten findet die sexuelle Fortpflanzung in zwei groben Formen statt, die sich in der Größe der verschmelzenden Gameten unterscheiden (Togashi & Cox, 2011). Bei der Isogamie verschmelzen Gameten gleicher Größe. Bei der Anisogamie verschmelzen unterschiedlich große (Lehtonen et al., 2016). Es wird angenommen, dass Anisogamie sich vor über einer Milliarde Jahren (Butterfield, 2000) aus isogamen Vorfahren durch disruptive Selektion[8] entwickelt hat, die zwei unterschiedliche Gametentypen begünstigte: kleine, typischerweise bewegliche Gameten, die auf Quantität und Begegnungsrate optimiert sind (Spermien), und große, nährstoffreiche Gameten (Eizellen), die auf die Versorgung optimiert sind (Levitan, 2006; Parker, 2011; Parker et al., 1972). Im Zusammenspiel maximieren diese unterschiedlichen Strategien den Befruchtungserfolg und das Überleben der Nachkommen.
Die Geschlechter – männlich und weiblich – beziehen sich bei anisogamen Arten auf diese beiden unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien. Männchen werden als das Geschlecht definiert, das zahlreiche kleine Gameten (Spermien) produziert. Weibchen hingegen werden als das Geschlecht definiert, das weniger, dafür aber größere Gameten (Eizellen) hervorbringt (Parker, 2011; Williams, 1975). Dementsprechend werden Individuen als männlich oder weiblich eingestuft, je nachdem, ob ihr Fortpflanzungssystem die biologische Funktion hat, Spermien bzw. Eizellen zu produzieren (Bogardus, 2025). Da Spermien und Eizellen die einzigen beiden Gametenklassen in anisogamen Systemen sind, gibt es nur zwei Geschlechter. Dieser gametische Dimorphismus (Zweigestaltigkeit) liegt der Bezeichnung des Geschlechts als „binär“ durch Biologen zugrunde (Hilton & Wright, 2023).
[4] Syngamie ist die vollständige Verschmelzung von zwei meist gegengeschlechtlichen Keimzellen (Gameten) bei der geschlechtlichen Fortpflanzung.
[5] Auskreuzung bezeichnet in der Biologie die Übertragung von Genen oder Eigenschaften durch natürliche oder künstliche Kreuzung zwischen verschiedenen Populationen, Linien oder Arten.
[6] Ein Genotyp ist die vollständige genetische Ausstattung eines Lebewesens, also die Gesamtheit aller seiner Gene und Erbanlagen.
[7] Die genetische Last (auch genetische Bürde oder englisch genetic load) bezeichnet in der Populationsgenetik das Maß für die Abweichung der tatsächlichen genetischen Anpassung einer Population vom optimalen Genotyp.
[8] Die disruptive Selektion (auch aufspaltende Selektion genannt) ist eine Form der natürlichen Selektion, bei der extreme Ausprägungen eines Merkmals bevorzugt und die mittleren Durchschnittsformen benachteiligt werden.
Häufige Argumente gegen die Zweigeschlechtlichkeit und warum sie nicht stichhaltig sind
Geschlechter als Paarungstypen
In populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Artikeln wird manchmal behauptet, dass bestimmte Pilze und Schleimpilze „Hunderte“ oder sogar „Tausende“ von Geschlechtern haben (GrrlScientist, 2019; Scharping, 2017). Diese Behauptungen begehen einen Kategoriefehler, indem sie Paarungstypen mit Geschlechtern verwechseln (Lehtonen et al., 2012). In isogamen Taxa sind Paarungstypen genetisch oder molekular definierte Kompatibilitätsklassen, die regeln, welche Gameten verschmelzen können; sie unterscheiden sich nicht durch die Größe der Gameten (Hurst & Hamilton, 1992). Im Gegensatz dazu werden Geschlechter in anisogamen Taxa durch gametischen Dimorphismus definiert – die Produktion kleiner Gameten (Spermien) im Gegensatz zu großen Gameten (Eizellen). Einige anisogame Arten können ebenfalls Paarungstyp-Systeme aufweisen, die zusätzlich zu den männlichen und weiblichen Funktionen bestehen, doch isogamen Arten fehlen per Definition die Geschlechter.
Behauptungen über Hunderte oder Tausende von Geschlechtern beziehen sich somit auf viele Paarungstypen in isogamen Systemen, nicht auf Geschlechter. Bei anisogamer Fortpflanzung bleibt die Anzahl der Geschlechter bei zwei – männlich und weiblich – definiert durch den Gametentyp (Lehtonen, 2021).
Geschlechter als Karyotypen
Eine gängige Argumentationslinie, die dazu dient, die binäre Natur des Geschlechts zu untergraben, stellt die Geschlechtsbinärität fälschlicherweise als eine Binärität menschlicher Karyotypen[10] dar (XX = weiblich; XY = männlich) und führt anschließend Geschlechtschromosomen-Aneuploidien (z. B. XXY beim Klinefelter-Syndrom; X0 beim Turner-Syndrom) oder seltene XX-Männer und XY-Frauen an, um zu behaupten, es müsse „mehr als zwei Geschlechter“ geben (Ainsworth, 2015; Blackless et al., 2000). Wie könnte das Geschlecht binär und durch Geschlechtschromosomen bestimmt sein, so argumentieren sie, wenn es beim Menschen neben XX und XY noch weitere lebensfähige Geschlechtschromosomen-Karyotypen gibt?
Der grundlegende Fehler besteht darin, die Bestimmung des Geschlechts mit dessen Definition zu verwechseln (Capel, 2017; Griffiths, 2021; Hilton & Wright, 2023). In der Entwicklungsbiologie bezieht sich die Geschlechtsbestimmung auf die Mechanismen, die die sexuelle Entwicklung auslösen und regulieren. Diese Mechanismen variieren stark zwischen den Taxa (Bachtrog, 2014). Beispiele hierfür sind chromosomale Mechanismen (z. B. das SRY-Gen auf dem Y-Chromosom bei Säugetieren), temperaturabhängige Mechanismen (z. B. führen höhere Temperaturen bei vielen Reptilien zur Entstehung von Männchen), Haplodiploidie[11] (z. B. führen unbefruchtete haploide Eier bei den meisten Hymenopteren[12] zur Entstehung von Männchen) oder umweltbedingte Mechanismen (z. B. chemische Signale bei Bonellia viridis).
Unabhängig davon, durch welchen Mechanismus das Geschlecht bestimmt wird, wird das Geschlecht eines Individuums – männlich oder weiblich – jedoch universell durch die Art der Gameten (Spermien oder Eizellen) definiert, zu deren Produktion das Fortpflanzungssystem biologisch in der Lage ist (Goymann et al., 2023). Aneuploidien der Geschlechtschromosomen (ein Chromosom zu viel oder zu wenig) stellen daher Variationen innerhalb der beiden Geschlechter dar, nicht zusätzliche Geschlechter.
[10] Ein Karyotyp ist das charakteristische Erscheinungsbild des vollständigen Chromosomensatzes einer Zelle. Er beschreibt die Anzahl, Form und Struktur der Chromosomen.
[11] Als Haplodiploidie (deutsch auch Haplo-Diploidie) bezeichnet man eine Form der Geschlechtsbestimmung (Geschlechtsdetermination), bei der ein Geschlecht einen einfachen (haploiden) und das andere Geschlecht einen doppelten (diploiden) Chromosomensatz besitzt.
[12] Hymenopteren sind Hautflügler wie Bienen, Hummeln, Wespen, Hornissen und Ameisen
Geschlecht als Spektrum
Während Behauptungen, es gebe „mehr als zwei Geschlechter“, weit verbreitet sind, lautet der häufigste Einwand gegen die binäre Natur des Geschlechts, dass das Geschlecht ein „Spektrum“ sei (Ainsworth, 2015; Fuentes, 2025). Nach dieser Auffassung sind „männlich“ und „weiblich“ keine getrennten biologischen Kategorien, sondern theoretische Endpunkte einer kontinuierlichen Verteilung, der sich Individuen stets nur statistisch annähern können. Dieses Modell impliziert, dass Individuen nur in Graden von Männlichkeit und Weiblichkeit beschrieben werden können, anstatt als streng männlich oder weiblich. Als wichtigstes Argument zur Stützung des Spektrummodells wird die Existenz von Störungen/Abweichungen in der Geschlechtsentwicklung (DSDs) angeführt (Sax, 2002), darunter Formen genitaler oder gonadaler Atypien, die visuell oft entlang eines Kontinuums von „typisch weiblich“ bis „typisch männlich“ dargestellt werde.
Die Existenz solcher Zustände untergräbt jedoch nicht den binären Charakter des Geschlechts, da die Geschlechtsbinärität nicht bedeutet, dass jedes Individuum eindeutig als männlich oder weiblich kategorisiert werden kann. Vielmehr lautet die Behauptung, dass es bei anisogamen Organismen nur zwei Gametentypen gibt, nämlich Spermien und Eizellen, und somit nur zwei Geschlechter. Sexuelle Ambiguität ist kein drittes oder intermediäres Geschlecht, da Entwicklungsvariationen nicht mit der Bildung neuer Gametentypen einhergehen.
Geschlechter als polythetische Kategorien
Eine polythetische Kategorie ist eine Kategorie, in der die Mitglieder sich überschneidende Merkmale aufweisen, wobei kein einzelnes Merkmal für die Zugehörigkeit notwendig oder ausreichend ist. Die Zugehörigkeit basiert auf „Familienähnlichkeit“: Jedes Mitglied teilt genügend Merkmale mit anderen, um als Teil der Menge anerkannt zu werden, auch wenn nicht alle Mitglieder dieselbe Kombination von Merkmalen aufweisen (Needham, 1975; Wittgenstein, 1953).
Befürworter eines polythetischen Geschlechtsmodells stützen sich auf diese Idee, um das Geschlecht als multivariat darzustellen (anstatt univariat, wie bei einem einfachen „Spektrum“). Nach dieser Auffassung ist „Geschlecht“ ein Aggregat von Merkmalen – Chromosomen, Gonaden, Gameten, Hormonen, Neuroanatomie, sekundären Geschlechtsmerkmalen und anderen geschlechtsdimorphen Merkmalen – und Individuen werden Grade von Männlichkeit oder Weiblichkeit zugewiesen, je nachdem, inwieweit ihr Gesamtprofil mit dem übereinstimmt, was als männlich-typisch oder weiblich-typisch angesehen wird (Dreger, 2000; Fausto-Sterling, 2000).
Männlich und weiblich sind jedoch keine polythetischen Kategorien. Es handelt sich um Fortpflanzungsklassen, die durch ein einziges Kriterium definiert sind: die Art der Gamete (Spermien oder Eizellen), zu deren Produktion das Fortpflanzungssystem eines Organismus die biologische Funktion hat. Alle anderen Merkmale – Karyotyp, Genitalmorphologie, Hormonprofile, neurologische und somatische Dimorphismen – sind typischerweise Ursachen, Indikatoren oder Folgen dieser funktionalen Unterscheidung. Die Behandlung dieser Korrelate als gemeinsam definierende Merkmale verwischt die Determinanten und nachgelagerten Auswirkungen des Geschlechts mit dem Geschlecht selbst.
Darüber hinaus ist der polythetische Ansatz logisch selbstwidersprüchlich (Griffiths, 2021). Merkmale werden als „männertypisch“ oder „weibertypisch“ bezeichnet, weil sie mit Männern und Frauen korrelieren, die bereits unabhängig voneinander identifiziert wurden – letztlich unter Bezugnahme auf Gameten. Mit anderen Worten: Das Modell setzt die binären Kategorien voraus, die in den Gameten verwurzelt sind, die es zu ersetzen sucht, und leitet diese Kategorien dann aus ihren Korrelaten wieder ab. Als beschreibender Rahmen für Merkmalsvariation kann eine multivariate Zusammenfassung nützlich sein; als Definition des Geschlechts ist sie jedoch unsinnig.
Das mehrstufige Geschlechtsmodell
Das mehrstufige Modell verbindet spektrumbezogene und polythetische Ansätze, indem es „Geschlecht“ auf mehrere vermeintliche „Ebenen“ verteilt, zu denen üblicherweise Geschlechtschromosomen, die innere Fortpflanzungsanatomie, die äußeren Genitalien, sekundäre Geschlechtsmerkmale, Hormonprofile und Verhalten gehören und die sich manchmal bis zur „Geschlechtsidentität“ erstrecken (Migeon & Wisniewski, 1998). Anstatt Organismen als männlich oder weiblich zu klassifizieren, ordnet das Modell Merkmalen oder Ebenen Geschlechtsbezeichnungen zu (z. B. „genetisches Geschlecht“, „endokrines Geschlecht“, „morphologisches Geschlecht“, „Verhaltensgeschlecht“, usw.) (McLaughlin et al., 2023; Sun et al., 2023).
Wie von McLaughlin et al. (2023) dargelegt, wird das Geschlecht als „eine konstruierte Kategorie, die auf mehreren biologischen Ebenen wirkt“ beschrieben, wobei vier Ebenen im Mittelpunkt stehen: die genetische, die endokrine [Anm. d. Übers.: Hormonen und Botenstoffen betreffend], die morphologische und die verhaltensbezogene Ebene. Diese Darstellung vermischt die Determinanten und Korrelate des Geschlechts mit dem Geschlecht selbst (Bachtrog, 2014; Capel, 2017). Gene und Gen-Netzwerke initiieren und regulieren die sexuelle Differenzierung; Hormone vermitteln die nachgelagerte Entwicklung und phänotypische Dimorphismen; Morphologie und viele Verhaltensweisen werden durch das Geschlecht eines Organismus beeinflusst. Doch keines dieser Merkmale definiert das Geschlecht. Das Geschlecht ist eine auf Organismusebene angesiedelte Fortpflanzungsklasse, die an die Art der Gameten gebunden ist, zu deren Produktion der jeweilige Organismus biologisch befähigt ist. Die Behandlung von vorgelagerten Regulatoren (z.B. SRY-Aktivität, hormonelles Milieu) oder nachgelagerten Ergebnissen (z. B. dimorphe Morphologie, Verhalten) als gleichwertige „Ebenen“ des Geschlechts stellt einen Fehler in der Analyseebene dar.
Zudem weist das Mehrebenenmodell denselben Zirkelschluss auf wie das polythetische Modell. Merkmale werden nur deshalb als „männertypisch“ oder „weibertypisch“ bezeichnet, weil sie mit Organismen korrelieren, die bereits als männlich oder weiblich identifiziert wurden – eine Identifizierung, die bei anisogamen Arten letztlich unter Bezugnahme auf Gameten erfolgt. Sobald diese Bezugnahme wegfällt, verliert die Typologie ihre interpretative Grundlage. Als deskriptiver Rahmen zur Integration genetischer, endokriner und morphologischer Befunde in der klinischen Differentialdiagnose hat das mehrstufige Schema pragmatischen Wert; als Definition des Geschlechts ist es inkohärent.
Schlussfolgerung
Dieser Kommentar vertritt eine einfache These mit weitreichenden Konsequenzen: Bei anisogamen Organismen sind die Geschlechter – männlich und weiblich – funktionelle Klassen, die durch die Art der Gameten definiert sind, zu deren Produktion ein Individuum die biologische Funktion besitzt (Bogardus, 2025). Männchen besitzen die biologische Funktion, Spermien zu produzieren; Weibchen besitzen die biologische Funktion, Eizellen zu produzieren (Parker et al., 1972). Diese Definition gilt universell für alle anisogamen Taxa. Ein Großteil der heutigen Verwirrung entsteht dadurch, dass die Art und Weise, wie das Geschlecht bestimmt wird (d. h., wie sich das Geschlecht entwickelt), mit der Art und Weise verwechselt wird, wie das Geschlecht definiert wird (was Geschlecht ist), sowie dadurch, dass vorgelagerte Determinanten und nachgelagerte Korrelate des Geschlechts mit dem Geschlecht selbst verwechselt werden. In diesem Sinne beschreiben Aneuploidien und DSDs Variationen in der Entwicklung oder Funktion innerhalb der beiden Geschlechter; „Paarungstypen“ gehören zu isogamen Systemen und sind Kompatibilitätsklassen, keine Geschlechter; und „multivariate“ oder „Spektrum“-Darstellungen quantifizieren Merkmalsvariationen innerhalb und zwischen den beiden Geschlechtern, ohne die Anzahl der Geschlechter zu verändern.
Der wissenschaftliche Wert klarer und präziser Definitionen ist enorm (Dawkins, 2025). Eine gametenbasierte Definition verhindert die Ausbreitung von Fehlern in der vergleichenden Biologie, Physiologie, Ökologie und Medizin. Sie bewahrt die Interpretierbarkeit geschlechtsgebundener Phänomene – sexuelle Selektion, Dimorphismus und Lebensgeschichte-Trade-offs – und gewährleistet konzeptionelle Disziplin, indem sie Determinationsmechanismen (z. B. SRY-Signalwege, ZW-Systeme, temperaturabhängige Determination, soziale Signale) in ihrem jeweiligen Erklärungsrahmen belässt. Sie gewährleistet zudem taxonübergreifende Kohärenz: Unabhängig davon, ob eine Art gonochorisch [Anm. d. Übers.: dauerhaft männlich oder dauerhaft weiblich] oder hermaphroditisch ist und ob die Geschlechtsbestimmung chromosomal, umweltbedingt oder sozial erfolgt, bleiben „männlich“ und „weiblich“ sinnvoll vergleichbar, da diese Begriffe an der Fortpflanzungsfunktion verankert sind und nicht an einem Bündel von Merkmalen, die sich von Taxon zu Taxon stark unterscheiden.
Auch die gesellschaftlichen und ethischen Implikationen sind erheblich. Präzise Biologie unterscheidet sich von Fragen der Würde, der Rechte und wie wir miteinander umgehen. Politische Streitfragen sollten nicht dadurch entschieden werden, dass die reproduktiven Realitäten neu definiert – oder wegdefiniert – werden, die das Geschlecht überhaupt erst zu einem nützlichen wissenschaftlichen Konzept machen. Wenn Kategorien aus nicht-wissenschaftlichen Gründen verwischt werden, begünstigen wir geradezu nachgelagerte Probleme: verworrene klinische Protokollen, beeinträchtigte Epidemiologie, erodierende und/oder widersprüchliche rechtliche Schutzmaßnahmen sowie ein geschwächtes Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft.
In allen anisogamen Taxa werden Männchen und Weibchen durch gametischen Dimorphismus definiert. Vorschläge, das Geschlecht anhand von Karyotypen, sekundären Geschlechtsmerkmalen, Verhalten oder anderen Korrelaten neu zu definieren, sind inkohärent und setzen ausnahmslos diese Grundlage voraus, da die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur unter Bezugnahme auf Spermien und Eizellen verständlich sind.
Finanzierung Der Autor ist festangestellter Mitarbeiter des Manhattan Institute for Policy Research. Es wurden keine zusätzlichen externen Mittel erhalten.
Erklärungen
Interessenkonflikt Der Autor ist festangestellter Mitarbeiter des Manhattan Institute for Policy Research; das Institut war weder an der Konzeption noch an der Analyse noch an der Entscheidung zur Einreichung dieses Kommentars beteiligt. Der Autor hat in Gerichtsverfahren zu verwandten Themen gegen Entgelt als Sachverständiger ausgesagt.
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